Mittwoch, 9. Januar 2008

Mal wieder ein kleines Update

Nachdem ich lange Zeit nichts mehr von mir habe hören lassen, möchte ich nun mal wieder anfangen was zu schreiben und fange damit an, was sich so in Zwischenzeit ereignet hat.

Krankenkassenbürokratie
Die Bürokratieschlacht mit der AOK Sachsen ging natürlich weiter.

Für die weitere Bewilligung meiner Logopädie durfte ich ja noch mal zu meiner HNO-Ärztin; dort fand man es ganz gut, was ich bisher mit der Logopädie erreicht habe und ich auf einem guten Weg bin, den man fortsetzen sollte. Da konnte dann auch der medizinische Dienst nichts mehr dagegen sagen und hat mir in einer Rekordbearbeitungszeit von elf Wochen die Verlängerung meiner Logopädie bewilligt. Das ist damit das erste, was mir die Krankenkasse überhaupt bewilligt hat.

Bei der Psychotherapie blieb es erstmal bei der Ablehnung. Rein nach dem Krankenkassenkatalog durfte man die Kostenübernahme ja ablehnen - Transsexualität ist danach ja kein Grund für eine Psychotherapie.
Man könnte sich ja eventuell vorstellen, dass die meisten Transsexuellen eine gewisse psychologische Begleitung benötigen, wenn man bedenkt, unter welchem Druck die Betroffenen jahrelang gelebt haben, dazu gezwungen waren ihr innerstes zu verstecken und von aller Welt als krank oder pervers bezeichnet worden. Aber das steht ja nicht im Leistungskatalog - selber nachzudenken ist ja sowieso zuviel verlangt.
Und eigentlich ist es auch allgemein bekannt, dass für Kostenübernahmen für medizinische Maßnahmen immer kontinuierliche Psychotherapie vorausgesetzt wird, weil sonst das "Vorliegen der Transsexualität als nicht hinreichend erwiesen gilt", wie man in diversen Ablehnungsbescheiden für die Ga-Op der AOK Sachsen nachlesen kann. Aber auch das steht ja nicht im offiziellen Leistungskatalog.
Und überhaupt scheint die entsprechende Sachbearbeiterin der AOK sehr gut über das informiert zu sein, worüber sie zu entscheiden hat. Zu meiner Psychotherapeutin meinte sie sinngemäß "Was wollen sie den mit den Transsexuellen? Die überlegen sich das doch sowieso oft wieder anders." Vor soviel geballtem Fachwissen kann ich natürlich nur voller Respekt meinen nichtvorhandenen Hut ziehen.
So blieb mir und meiner Psychotherapeutin nun nichts anderes übrig, als ein Schreiben abzufassen mit dem wohlklingenden Titel "Antrag auf Anerkennung ihrer Leistungspflicht nach §13 SGB V"
Dieser Paragraph besagt in etwa soviel, dass die Krankenkasse mir bei ärztlich bescheinigter Notwendigkeit in zumutbarer Zeit einen für mein Problem qualifizierten Psychotherapeuten stellen muss. In dem Brief stand dann noch, dass der AOK wohl bewusst ist, dass Psychotherapie Voraussetzung für weitere Kostenübernahmen ist.
Bisher hab ich noch keine Antwort erhalten. Passieren kann, dass sie es wieder ablehnen, dass es danach oder gleich zum medizinischen Dienst geht, wo es schlimmstenfalls wieder abgelehnt werden könnte. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es ja noch die verschiedenen Sozialgerichtsinstanzen, wo ich irgendwann schon recht bekommen werde, falls die AOK-Die Gesundheitskasse nicht eher einlenkt.

Um über meinen Antrag auf Kostenübernahme für die Bartepilation zu entscheiden, benötigte der Medizinische Dienst kurze acht Wochen, nachdem ich alle geforderten Befunde (bis auf den psychotheraoeutischen - den ich ja aus irgendeinem unerfindlichen Grund namens AOK noch nicht haben konnte) eingereicht hatte.
Zur Erinnerung, ich hatte wenige Sitzungen Laserepilation und anschließende Nadelepilation beantragt, weil diese kombinierte Methode, den einzelnen Methoden in Effizienz, Kosten, Vor- und Nachteilen, Epilationsdauer usw. überlegen ist; und dies auch genauso beim beantragen ausführlich begründet.
Nun erhielt ich den Bescheid, in dem drin stand, dass sie die Laserepilation wegen "nicht nachgewiesener Wirksamkeit" nicht bewilligt wird; und dass ich meinen "ärztlichen Behandler" auf eine andere Methode aus dem Leistungskatalog ansprechen soll. Dass ich sowieso beide Methoden beantragt habe, hat man der Einfachheit halber schlichtweg ignoriert. Sowohl die Sachbearbeiterin der Krankenkasse als auch der MDK waren nicht in der Lage innerhalb von acht Wochen meinen Antrag komplett zu lesen. Meine daraufhin direkt an die Sachbearbeiterin geschickte Beschwerde-Mail wurde ebenfalls sicherheitshalber ignoriert.
Nun hab ich halt offiziell beschwert und Widerspruch eingelegt, alles genau dargelegt, verständlich für jeden Idioten. Und auch mal nachgefragt, wie sie es sich bei "nicht nachgewiesener Wirksamkeit" den erklären, dass mein dunkler Bartwuchs zum großen Teil verschwunden ist und mein Bartschatten ebenfalls.
Auch interessiert mich die Antwort auf die Frage brennend, wie die AOK sich das vorstellt; einen Hautarzt der genug Zeit hat eine komplette Nadelepilation von mehreren hundert Stunden durchzuführen.
Ich fürchte, das wird wohl alles ein Geheimnis der AOK und des MDKs bleiben, die werden sich sicher mit einfachen Ablehnung meines Widerspruchs begnügen, und den Rest wieder ignorieren - ist halt einfacher...



Vornamensänderungsgeschichte
Nachdem sich das Gericht nun endlich dazu bequemt hat die Gutachter zu beauftragen, hatte ich schnell den Termin beim Erstgutachter Dr. Seikowski, der mich bat die ganzen Psychotests nochmal auszufüllen und ihm zu berichten, was sich seit der Hormonfreigabe alles so verändert hat. Das war also ein problemloser schneller Termin.
Bis dahin hatte ich noch nichts von der Zweitgutachterin gehört, was Dr. Seikowski ebenfalls wunderte. Also habe ich dort angerufen und dabei erfahren, dass sie noch nichts vom Gericht vorliegen hätte. Bei Gericht erzählte man mir dann, dass der verantwortliche Amtsgerichtspräsident entschieden hätte, das Zweitgutachtern erst dann zu beauftragen, wenn das Erstgutachten beim Gericht eingegangen ist. Eine Begründung dafür konnte man mir auch nicht sagen; und ich hatte bis dahin auch noch nie von einer solchen Praxis gehört, die das Verfahren unnötig erheblich in die Länge zieht.
Nun wäre das in meinem Fall nicht so sehr schlimm, weil der Erstgutachter schnell arbeitet, und schon bald das Erstgutachten dem Gericht vorlag. Aber die Zweitgutachterin hat einen längeren Krankenhausaufenthalt vor sich, so dass sie mich nicht vor Ende März begutachten könnte.
Sie hat sich dann vor Gericht dafür eingesetzt, dass ein anderer Gutachter beauftragt wird (Ich habe dasselbe schriftlich beantragt).
Nun hat sich das Gericht dazu durch gerungen einen anderen Zweitgutachter in Dresden zu beauftragen.
Bis jetzt habe ich aber noch nichts von dem gehört.

Ich hoffe da bekomme ich bald einen Termin, und dann klappt alles recht schnell, aber irgendwie zweifle ich ein wenig daran, dass ich schnell zu meinem Namen komme.
Eigentlich wäre es schon sehr lange extrem wichtig, dass ich damit durch wäre. Ich kann mich einfach absolut nicht mehr unter dem alten männlichen Vornamen sehen - das geht schon soweit, dass ich
mich umschaue, wer den gemeint sein könnte, wenn irgendjemand den Namen ausspricht.
Und es behindert mich halt total, als Frau mit einem männlichen Vornamen rumlaufen zu müssen und im gelebten Geschlecht keinerlei Rechtssicherheit zu haben.
Hoffentlich tut sich da endlich was...


Outing, Wiedersehenstreffen
Jedes Jahr, am letzten Freitag vor Weihnachten, gibt es ein Wiedersehenstreffen meines ehemaligen Gymnasiums.
Auch 2007 war es wieder so weit, und ich habe lange darüber nachgedacht ob ich den nun hingehen sollte oder nicht. Ich fand es irgendwie schon sinnvoll dies zu tun, hatte aber auch ziemlich große Angst davor. Einige Mitschüler haben mir auch davon abgeraten - ebenso wie einige andere Transsexuelle, die meinten dass sie sich sowas nie trauen würden. Nun hatte ich aber mein Outing schon lange vorbereitet, mein Profil im StudiVZ war für jeden einsehbar. So hat es richtig schnell die Runde gemacht, was so weit ging, das einige über mich redeten, von denen ich selbst noch nie was gehört hatte. Die Tatsache, dass sowieso schon alle Bescheid wissen, und ein wenig realistisches Nachdenken darüber, was den schlimmstenfalls passieren könnte, überzeugte mich dann davon hinzugehen.

Nun war ich da, und es war echt nett. Natürlich gab es ein paar seltsame und überraschte Blicke (Vor allem als mich eine Freundin meinen ehemaligen Lehrern vorstellte) und Getuschel, aber deutlich weniger als erwartet. Direkt mir gegenüber habe ich keine negativen Kommentare gehört, eigentlich fast nur positives von "wow" bis hin zu "Echt schön was du aus dir gemacht hast". Die waren wohl alle extrem davon überrascht, wie ich jetzt aussehe - und vielleicht auch, wie normal ich aussehe; so gar nicht dem Transen-Klischee entsprechend. Ich hab auch damit gerechnet, dass meine Transition groß Thema sein würde, aber das war auch nicht so. Alles war viel ruhiger und entspannter als ich vorher gedacht habe und abgesehen davon geradezu erfrischend normal. :)

Zu Heiligabend war ich dann auch abends zur Christmette. Auch hier hatte ich im Vorfeld Bedenken; im traditionellem religiösem Umfeld erwartet man ja deutlich mehr negative Reaktionen.
Hier gabs nun gar keine Probleme - viele zu denen ich früher engen Kontakt hatte, haben mich gar nicht wiedererkannt. Und ein paar Leute haben schon ein wenig seltsam rüber geschaut - was ja zu erwarten war.
Mir ging es nicht wirklich um das (recht gute) Krippenspiel an dem Abend, sondern einfach darum, dass ich mich nicht mehr dadurch einschränken lasse, dass ich transsexuell bin. Das hab ich lang genug gemacht, aber nun hab ich echt keinen Grund mehr dafür.
Im alten Umfeld ist die Phase der quasi Outings komplett abgeschlossen. Ich seh nicht so schlecht aus, auf jeden Fall nicht zu transig und es kann ja auch nur noch besser werden.
Also brauch ich mich echt nicht mehr verstecken :)


so ich glaub das wäre jetzt genug fürs erste, bald schreibe ich mehr.
es grüßt euch alle ganz lieb,
kalyope
loewin88 - 16. Feb, 22:48

Hi kalyope,

Habe deinen Blog gerade entdeckt und mit großer Faszination diesen Beitrag über das Klassentreffen und die Christmette gelesen.
Ich selbst bin oft vorher sooo aufgeregt, wenn ich meinem Umfeld gegenüber auf einmal anders auftrete als gewohnt, und dann merke ich meistens, dass es gar kein großes Spektakel ist, viel weniger jedenfalls, als ich befürchtet hatte. Die Beziehungen, die an meinem Anderssein zerbrechen, waren meist eh schon brüchig ...

Wobei mein Leben viel weniger aufregend ist als deins, ich bin eine weitgehend normale Frau, allerdings mit Bart (den ich aber noch verstecke).

Herzlicher Gruß und alles Gute für dich!
Ich werde öfters mal hier vorbeischauen.
Loewin

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